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Gründe der Zauberangst
Jede Wirkung muss eine Ursache haben. Was also war der Grund für diese Problemlagen der Frühen Neuzeit, die objektiv nicht abzustreiten sind und deren Zusammenballung auch heute niemand erklären könnte? Wer wagte es, zu widersprechen, wenn ein wort- oder schriftgewaltiger Prophet die Ursache aller Übel erkannt haben wollte: War in der biblischen Apokalypse nicht auch die Rede von Plagen über der Welt, von der Ausbreitung des Satansreiches und seiner Anhänger? Diese Auffassung produzierte konkrete Phantasievorstellungen: Jede Donnerstag Nacht sollen Teufelsdiener sich angeblich treffen zum Konvent, zu dem sie auf Besen und Tieren durch die Luft reiten. Dazu verhelfe ihnen eine Zaubersalbe (Schmeer), die aus dem Leichenfett gekochter Kleinkinder zubereitet werde. Auf dem Konvent werde in orgiastischen Ausschweifungen der Teufel als Bocksgott verehrt, neue Schmeer gekocht und neue Schandtaten für die kommende Woche verabredet. Wer in der vergangenen Woche sein Pensum an Übeltaten nicht erfüllt habe, werde vom Teufel ausgepeitscht. Unter der Woche seien diese Satansdiener normale Bürger und nicht mehr als Übeltäter zu erkennen. In Wahrheit jedoch können diese sich Nachts in Katzengestalt durch die Häuser schleichen, um Krankheiten und Unglücke zu säen. Sie können auch den Kühen die Milch stehlen und Unwetter brauen.
Wer auch nur eine dieser Ansichten bezweifelte, hatte damit bewiesen, dass er ebenfalls ein heimlicher Anhänger des Satansbundes war. Wer sich fromm gab, tarnte nur seinen Teufelspakt. Wer nicht fromm war, hatte dies erst recht bewiesen. Wer dazu schwieg, den hatte der Teufel stumm gemacht, wer etwas dazu sagte, wollte sich offenbar aus gutem Grund rechtfertigen. Die Vermutung, es treibe sich eine Zaubersekte um, die für alle Katastrophen der Zeit verantwortlich sei, schien für den damaligen Verständnishorizont durchaus wahrscheinlich. Denn zu jener Zeit war das Interesse an Okkultismus und magischen Beschwörungen gross. Als Begleiterscheinung der Konfessionsstreitereien, Kriege, Hungersnöte und Seuchen suchten viele Menschen ihr Heil in Amuletten und abergläubischen Beschwörungen. Es fanden sich viele Geschäftemacher, die diese Nachfrage befriedigten.
Dubiose Gaukler wiederum standen unter dem Erwartungsdruck ihrer Kundschaft. Eine in Köln verhaftete Frau gab im Verhör an, dass ihre Kunden unzufrieden wurden, wenn sie ihre Wunderbeschwörungen nicht mit kräftigen Zaubersprüchen begleitete. Diese Kunden waren die gleichen, die kurz darauf Jagd auf alle angeblichen Zauberer machten, um so mehr, wenn die Quacksalberei keinen Erfolg gebracht aber viel Geld gekostet hatte. Die Nachrichten über Zaubertaten und verbrannte Hexenmeister wurden im ganzen Reich in unzähligen Traktaten verbreitet. Die Bevölkerung sah den Grund dafür in der Zunahme an Zaubertaten und -tätern aber nicht in der Erfindung der Drucktechnik, der eigentlichen "schwarzen Kunst", die auch damals schon mehr Profit erzielte durch spektakuläre Sensationsmeldungen als durch seriöse Information. Zufällig auch zu jener Zeit entwickelt (ab 1457) konnten aufrührerische Ideen oder gruselige Sensationen auf diese Weise rasch verbreitet werden. Zufällig weiter hinzu kamen neue Entdeckungen der Wissenschaften und die Entdeckung neuer Kontinente. Nichts schien mehr so zu sein wie vorher. Viele Menschen fühlten sich desorientiert.
In der Zeit der Umwälzungen, Kriege und Seuchen zeigen die Gerichtsakten eine auffällige Brutalisierung in der Bevölkerung, eine Zunahme von Beleidigungen und Körperverletzungen wie eine Studie zum Fürstentum Lippe zeigt. Die politischen Konfrontationen in den Kriegen fanden ihr Spiegelbild in Nachbarschaftskonflikten der Bürger untereinander. Der Zaubervorwurf war eine geeignete Waffe zum Kampf gegen einen Feind: An eigene Beweise wurden keine Ansprüche gestellt, die Wirkung war oft tödlich. In einem Text aus jener Zeit heisst es: "Not macht die Menschen leicht gewissenlos".
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